06-2025
06-2025

Gerhard Feldmeyer: Mit dänischer Leichtigkeit zur Klimaneutralität!

Dänemark hat sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 70 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren und ist laut jüngsten Erhebungen auf einem guten Weg. Bemerkenswert daran ist auch, dass die gesamte CO2-Reduktion auf dänischem Boden stattfinden soll und nicht etwa durch Teilnahme am Handel mit CO2-Zertifikaten. Insbesondere der Energiesektor und der Verkehrssektor machen gute Fortschritte. Aber auch für den Gebäudesektor haben sich die Dänen ein schlaues Anreizsystem einfallen lassen. 

Tempo rauf, CO2 runter

Seit 2023 müssen alle Gebäude mit mehr als 1000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche einen Grenzwert von 12 kg CO2-Äquivalent pro Quadratmeter einhalten. Die Unterlagen dafür müssen mit dem Bauantrag eingereicht werden. Die Berechnung beinhaltet das Bauwerk, die sogenannten grauen Emissionen – also Rohstoffbereitstellung, Transport und die Gebäudeherstellung bis zum eventuellen Rückbau – sowie die aufzuwendende Energie in der Nutzungsphase über einen Zeitraum von 50 Jahren. Dieser Grenzwert wird alle zwei Jahre nach unten korrigiert. 


Das Recyclinghaus in Hannover von cityförster architecture + urbanism, das zu einem Großteil aus Recycling-und Gebrauchtmaterialien erbaut wurde.  Beispiel hier: Holzfassade aus alten Saunabänken.

Foto: © Olaf Mahlstedt


Küche: leimfreier Massivholzrohbau, gebrauchte Aluminium-Fensterelemente, Laibungsbretter aus alten Messebauplatten, gebrauchte Innenausstattungen. 

Foto: © Olaf Mahlstedt


Bad: Ehemaliges Saunaaufgussbecken als Waschbecken, Wandbekleidung aus gebrauchten Kronkorken, Möbel und Spiegel aus Messebau- Gebrauchtmaterialien.

 Foto: © Hans Schaper

Treppenhaus: Brettstapelwand aus historischer Eiche. Treppe, Podestkonstruktion und Handlauf aus gebrauchten Stahlprofilen. 

Foto: © Olaf Mahlstedt


Treppenhaus: Absturzsicherung, Handläufe, Podestkonstruktion und Treppe aus gebrauchten Stahlprofilen. 

Foto: © Hans Schaper

Dänischer Einfallsreichtum

Hierzulande würde dieser Wert und seine zweijährliche Degression als ambitioniert eingestuft; in Dänemark wird er oftmals unterschritten. Wenn man allerdings weiß, dass die Dänen hier ein paar clevere Tricks eingebaut haben, dann erklärt sich der entspannte Umgang mit diesem Wert. Einerseits darf der Regler zwischen den grauen Emissionen (Herstellung und Errichtung) und den Betriebsemissionen so platziert werden, dass ein möglichst guter Wert erreicht wird. Wer zum Beispiel ein Holzgebäude plant, das infolge des verwendeten Baustoffs sehr wenig CO2 emittiert, kann sich ein etwas schlechteres Energiekonzept für die Nutzungsphase leisten. Umgekehrt kann ein Plusenergiehaus, also ein Haus, das in der Nutzungsphase mehr Energie erzeugt als es verbraucht, in der Herstellungs- und Errichtungsphase mehr graue Energie verursachen. 

Die richtigen Anreize

Damit nicht genug – um gleich noch einen Anreiz für zirkuläres Bauen zu setzen, dürfen Sekundärressourcen, das heißt Recyclingmaterialien und wiederverwendete Bauteile, also ReUse-Bauteile, mit null CO2-Emission angesetzt werden, obwohl diese genaugenommen nicht null sind. Recyclingbeton verursacht nur unwesentlich weniger CO2 als herkömmlicher Beton, er reduziert dafür aber die Ressourcenentnahme. Kleine Petitesse am Rande: Die Dänen nutzen in Ermangelung einer eigenen Datenbasis die Deutsche ÖKOBAUDAT, sowie das LCA-Modul der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB). 

Küchengeräte, Leuchten & Waschbecken sind gebrauchte Bauteile oder Ausstellungsstücke.

Foto: © Cynthia Ruf

Eine doppelflügige Bauernhaustür wurde überarbeitet und als zwei separate, raumhohe Innentüren eingebaut.

Foto: © Cynthia Ruf

Gäste-WC: Einbauwaschtisch mit gebrauchtem Waschbecken und Kronkorkenmosaik.

Foto: © Cynthia Ruf

Holzvertäfelung im Schlafzimmer. Der gesamte Rohbau wurde als leimfreier Massivholzrohbau mit Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft errichtet.

Foto: © Cynthia Ruf


Das experimentelles Wohnhaus im hannoverschen Stadtteil Kronsberg wurde im Sommer 2019 fertiggestellt.

Foto: © Cynthia Ruf

Leichtigkeit vs. Starrheit

Das dänische Modell basiert auf der Schaffung von Anreizen und lässt Architekten und Fachplanern Spielräume, die sie mit Kreativität und Ingenieurskunst füllen können. Jedes Projekt hat spezifische Besonderheiten und Potenziale, die nur dann gehoben werden können, wenn man nicht in ein starres Korsett gezwungen ist. Hierzulande wird mehr auf Energieeffizienz gesetzt, die graue Energie ist nur eine untergeordnete Größe. Wir sprechen vom Effizienzhaus, dessen Primärenergiebedarf wir immer weiter drücken wollen. Wir erhöhen die Dämmstärke weiter und machen die Gebäude noch dichter – mit hohem finanziellem Aufwand bei immer weniger effektiver Verbesserung. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Bauherrn diese Absurdität nur mitmachen, um in den Genuss der Fördermittel zu kommen. Wir sind effizienzgetrieben und versuchen, das Falsche etwas besser zu machen, aber es bleibt grundsätzlich falsch. Wir müssen einen Systemwechsel vollziehen hin zu einer ganzheitlichen Bewertung und effektiven Verbesserungen. Ursprünglich wollte ich ein dänisches Architekturbeispiel zur Veranschaulichung zeigen, war dann aber froh, dass ich das Recyclingaus von cityförster architecture + urbanism in Hannover entdeckt habe. Es gibt auch eine deutsche Leichtigkeit.


Dieser Text wurde von Gerhard Feldmeyer verfasst und gehört zu einer wiederkehrenden Kolumne. Gerhard G. Feldmeyer wurde 1956 geboren, studierte Architektur in Stuttgart und London war über zwei Jahrzehnte Geschäftsführender Gesellschafter von HPP Architekten. Seit Januar 2023 engagiert er sich als Botschafter der Madaster Foundation für zirkuläres Bauen und ist Berater der Landmarken AG im Bereich Real Estate Product Innovation. 2024 wurde er in den Zukunftsrat Lifelong Learning der EBZ Business School berufen. Er bezeichnet sich selbst als „Bauwende-Beschleuniger“ und ist regelmäßig als Speaker in Sachen „Bauwende“ unterwegs.

Titelbild: © Cynthia Ruf