Wie handhaben andere Länder den klimafreundlichen Umbau ihrer Städte und Umgebungen? Eine kanadische Landschaftsarchitektin gibt Aufschluss.
Die moderne Architektur hat das Fenster lange auf seine Funktion reduziert: Möglichst viel Licht herein, möglichst viel Blick hinaus, möglich gemacht durch große Glasflächen und schlanke Profile. Die Öffnung wurde zur Fläche, die Wand zur dünnen Hülle. Doch zwischen Innenraum und Stadt liegt ein oft übersehener Zwischenraum: die Laibung.
Historisch waren Fenster Teil dicker Wände. In Massivbauten entstanden Laibungen automatisch aus der Konstruktion heraus. Ergebnis war eine Tiefe, die Schatten erzeugte, Schutz und räumliche Übergänge.
Dann kam die Moderne. Die Lochfassade wurde abgelöst durch Skelettbauweisen und Vorhangfassaden. Öffnungen wurden flächenbündig, glatt, abstrakt. Der Raum zwischen innen und außen verschwand zugunsten einer visuellen Klarheit.
Was architektonisch konsequent erschien, brachte neue Probleme: Überhitzung, Blendung, fehlender Wetterschutz und monotone Fassaden ohne Tiefenwirkung. Technische Lösungen wie Sonnenschutzanlagen mussten nachgerüstet werden – sichtbar, wartungsintensiv und oft gestalterisch fremd.
Heute zeigt sich, dass architektonische Tiefe selbst ein Klimainstrument sein kann. Fensterlaibungen wirken als thermische Pufferzonen und verbessern gleichzeitig die Tageslichtqualität: Licht wird indirekter, weicher, gleichmäßiger. Damit übernimmt Architektur wieder Aufgaben, die lange an Gebäudetechnik delegiert wurden. Oder etwas prägnanter, mit Florian Naglers Worten:
Das vollverglaste Gebäude ist eigentlich längst tot.
Florian Nagler, Architekt und Professor an der TU München 1
Doch die Bedeutung der Laibung geht über Klimafragen hinaus. Tiefe Fenster verändern Räume. Sie schaffen Übergangszonen, Orte zwischen Innen und Außen, teils sogar Aufenthaltsbereiche. Die Wand verliert ihre reine Trennfunktion und gewinnt räumliche Qualität. Es entstehen differenzierte Innenräume mit Aufenthaltsqualität. Durch ein Element, das konstruktiv ohnehin vorhanden ist.
Wie stark die räumliche Wirkung tatsächlich sein kann, zeigen Projekte des Vorarlberger Büros Innauer Matt.
Beim Projekt Ebnit werden Fenster nicht als dünne Durchbrüche verstanden, sondern als räumliche Schwellen, teils mit Sitzmöglichkeiten, teils als vollformatige Erweiterung des Raums. Das Gebäude gewinnt eine Selbstverständlichkeit, die weniger aus formaler Geste als aus konstruktiver Logik entsteht. Ähnlich ist es beim Museum Bezau. Die Tiefe der Fensterlaibungen erzeugt Schattenzonen, rahmt Ausblicke und verstärkt die plastische Wirkung der Fassade und des Innenraums. Beide Projekte verdeutlichen, dass Fassadentiefe kein dekoratives Motiv ist, sondern aus Konstruktion, Nutzung und Klima gleichermaßen entwickelt werden kann.
In vielen zeitgenössischen Gebäuden dominieren technisch optimierte Fassadensysteme. Effizienz wird über räumliche Qualität gestellt.
Gerade hier bietet die bewusste Ausbildung von Laibungen eine Alternative. Sie erzeugt Plastizität und Identität. Tiefe wird zum architektonischen Ausdrucksmittel. Die Fensterlaibung ist damit mehr als ein Detail. Sie verbindet konstruktive Logik mit räumlicher Erfahrung und zeigt, dass architektonische Qualität oft nicht in spektakulären Formen liegt, sondern in der Präzision scheinbar einfacher Elemente.
Text: Tom Adrian Stier
Titelbild: Projekt Ebnit, Innauer Matt Architekten, 2022 © Nicolas Wefers
1 Quelle: Süddeutsche Zeitung, 27.04.2022
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