08-2021
08-2021

Zum Leben erweckt — Wie durch nachhaltige Architektur ein Stadtteil neu belebt wird

Welche Rolle spielt Architektur bei der Gestaltung einer Stadt und deren Viertel? Wie kann man Bestandsgebäude, die andernfalls dem Erdboden gleichgemacht würden, zu neuem Leben erwecken und neu in einen Stadtteil integrieren? Ein eindrückliches Beispiel dafür haben wir uns im Dresdner Osten angeschaut.

Alte Bausubstanz zu erhalten, zu sanieren und neu in einen Stadtteil zu integrieren, ist kein leichtes Unterfangen und sicher nicht der einfache Weg. Wie im Leben, so im Bau, scheint das Einreißen manchmal die leichtere Option. Einen Schlussstrich ziehen, Altlasten loswerden, ganz neu anfangen. Doch mit der Zerstörung geht auch eine Geschichte verloren, etwas Gewachsenes, und die Chance zur Weiterentwicklung wird aufgegeben.

Lohnt es sich, für etwas Bestehendes zu kämpfen? In einer „verflüssigten“ Gesellschaft wie der heutigen, die kaum noch Formen und Strukturen kennt, und in der alles möglich und denkbar scheint, sehnen sich Menschen wieder nach Fixpunkten, nach Beständigkeit. Lohnt sich der Kampf also? Das Team von Alexander Pötzsch Architekten ist sich einig: Ja. Gemeinsam mit dem Ortsverband Dresden des Deutschen Kinderschutzbundes tüfteln und arbeiten sie am Umbau einer ehemaligen Schokoladenfabrik in der Dresdner Johannstadt. Entstehen soll ein Begegnungszentrum für die Bewohner des Stadtviertels.  

„Der Schornstein der alten Fabrik soll als Identifikationsmerkmal unbedingt erhalten bleiben“, so Alexander Pötzsch

TREFFPUNKT FÜR JUNG UND ALT

Bestehend aus einem großen Innenhof, einer Bibliothek, Büroräumen, einem Konferenzraum sowie einer Wohngemeinschaft inklusive Dachterrasse und einer Notfallunterkunft für Jugendliche, soll das Gebäude ganz im Dienst des Stadtteils und seiner Bürgerinnen und Bürger stehen. Dabei sollen „die Geschichte und der Charakter des Gebäudes erhalten bleiben“, so Alexander Pötzsch, leitender Kopf des zuständigen Architekturbüros. Dies gilt vor allem für ein ganz bestimmtes Merkmal der historischen Fabrik: ihren Schornstein. Dieser soll als Identifikationspunkt des Stadtteils unbedingt „erlebbar“ bleiben, wie Susanne Glaubitz vom Architektenteam erklärt. Als fester Bestandteil soll er in den Wohnräumen der Wohngruppe im zweiten Stock des Gebäudes integriert werden. Andere Bereiche des Gebäudekomplexes erhalten ein zeitgenössischeres Gesicht – die Bibliothek zum Beispiel, die ein Ort der Begegnung für Jung und Alt sein soll, für Menschen jeglicher Herkunft und Kultur. Treppenartig angelegt, sollen die Bücher in den Stufen Platz finden und zum Lesen und Verweilen einladen.

Erstes Obergeschoss vor dem Umbau…

…und während der Umbauarbeiten.

Gut sichtbar ist die charakteristische Kappendecke, …

… unter der ein Konferenzraum realisiert werden soll.

Alt und Neu

In der Fabrik aus den 1920er Jahren wurde bis nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem Schokolade hergestellt. Nach 1953 soll das Gebäude als Fahrzeugwerkhalle genutzt worden sein, später geriet es zunehmend in Verfall, bis es 2018 vom Kinderschutzbund Ortsverband Dresden gekauft und teilweise bereits als Bürogebäude genutzt wurde. Eine lange Geschichte – die nun durch den Umbau und die Neuintegrierung in den Stadtteil fortgesetzt werden soll. Dabei braucht es laut Pötzsch viel Kreativität und auch Mut. „Viele scheuen sich, Bestand weiter zu nutzen.“ Schließlich sind die Möglichkeiten begrenzt – das Gebäude ist, wie es ist, Brandschutzauflagen müssen beachtet werden, und auch der Bauprozess bleibt nicht ohne Überraschungen. So war es nicht vermeidbar, Teile der alten Fabrik abzureißen, dort, wo Wände nicht mehr getragen haben oder ein Treppenhaus in entgegengesetzter Richtung neu angelegt werden musste. Der Großteil der ursprünglichen Bausubstanz konnte jedoch erhalten bleiben – und das soll man sehen. So sollen beispielsweise die Originalziegel außen lediglich mit einem Streichputz und innen mit einem Dämmputz versehen werden. „Es soll sichtbar sein, was alt und was neu ist“, sagt Susanne Glaubitz mit Stolz. Das Herzblut, welches in dem Projekt steckt, ist beim Architektenteam deutlich spürbar.

Susanne Glaubitz vom Team Alexander Pötzsch Architekten gibt Auskunft über die Baustelle.

An einem Strang

Stolz und Verantwortungsgefühl als Architekt seien gut, ist Pötzsch der Meinung. Schließlich schaffe man gebaute Landschaft. „Ein schlechtes Buch nimmt ein paar Zentimeter im Bücherregal ein. Ein Gebäude hingegen bestimmt über Jahrzehnte hinweg das Stadt- und Landschaftsbild“, resümiert der 45-Jährige, der sich als Vorstand der ZEITGENOSSEN und als Mitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA) auch ehrenamtlich für die Vermittlung von Architektur und Baukultur engagiert. Es lohne sich, gemeinsam mit den Experten aus Rohbau, Heizung, Lüftung und Sanitär, um die beste Lösung zu ringen. „Es macht Spaß, an einem Strang zu ziehen, als Team zu agieren. Es geht nicht darum, als Architekt die eigene Vorstellung durchzudrücken. Man muss auf die Fachleute hören, die wissen ja, wie es geht.“ „Und man muss auch damit umgehen können, wenn mal etwas nicht umsetzbar ist“, fügt Glaubitz hinzu. Letztlich gehe es immer darum, das zu bauen, was das Haus braucht und was angemessen ist. Und dabei den Bauherrn und das gesamte Team mitzunehmen, ein Wir-Gefühl zu schaffen. Das würde sich dann auch im fertigen Gebäude widerspiegeln. Sich als Architekt selbst ein Denkmal bauen zu wollen, das sei die falsche Motivation, so Pötzsch. „Man macht es für den Bauherrn und dessen Anforderungen und Bedürfnisse. Er muss sich wohlfühlen.“ Auch sei es wichtig, den Bau aus einem Stück zu denken, einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, sodass das Gesamtbild am Ende stimmig ist. Für Pötzsch bedeutet das, sich auch in die Innenraumgestaltung mit hineinzudenken, Vorschläge für Möbel, Wandgestaltung und Lichtdesign zu machen. „Der Bauherr verlässt sich auf einen, stellt sich hinter einen. Es ist toll, wenn einem dieses Vertrauen entgegengebracht wird und man gemeinsam an Lösungen arbeitet.“

Kurioses Innenleben des Innenhofes vor Baubeginn.

Abrissarbeiten von Wänden und…

… Freilegung durch Entfernung des Werkhallendaches.

Blick auf den noch geschlossenen Innenhof hin zum Eisentor, …

… welches auch nach Fertigstellung erhalten bleiben soll, um …

… bei Bedarf den Hof zu schließen.

Entwurf für die zukünftige Gestaltung des für alle begehbaren Innenhofes.

Bau der Zukunft

An Lösungen muss langfristig auch im gesamten Baugewerbe gearbeitet werden. Denn Fakt ist, dass sich der Bau dauerhaft verändern muss. Nachhaltigkeit und Klimaneutralität sind Themen, um die langfristig niemand mehr herumkommen wird. So wie unser Bericht über das Recyclinghaus in Hannover bereits gezeigt hat, dass es alternative Wege gibt, so ist auch der Erhalt und Umbau der Dresdner Schokoladenfabrik ein Beispiel für mehr Bewusstsein im Bau. Ob sich Wege wie diese zukünftig durchsetzen werden, bleibt abzuwarten. Noch sind Projekte dieser Art in der Unterzahl. Doch auch Pötzsch ist der Meinung, dass neue Wege beschritten und Bestand gesichert werden muss: „Die graue Energie ist da, sie soll etwas tun, sie muss genutzt werden.“ Nicht zuletzt wünschen sich die Menschen ja auch Gebäude und Räume mit Charakter. Das ist vor allem in Bestehendem, Bewährtem zu finden, in dem eine Geschichte lebt, die weitergeschrieben werden will.

Westhof in marodem Zustand und bevor …

… auch hier die Freilegung durch einen Dachabriss erfolgte.

Vorbereitungen für die Bodenplatte.

Und so soll der Westhof in Zukunft aussehen.

Die Schokoladenfabrik soll 2023 in Form des Familienzentrums fertiggestellt sein und die Geschichte der Dresdner Johannstadt fortführen. Das Etappenziel „Richtfest“ ist für Anfang 2022 datiert.


Archivfotos/Skizzen: Alexander Pötzsch Architekten