06-2024
06-2024

Gerhard Feldmeyer: Warum wir den digitalen Gebäuderessourcenpass brauchen

Die Erde ist bekanntermaßen ein geschlossenes System – alles, was nicht nachwächst ist endlich und selbst das Nachwachsende haben wir in 2023 schon Ende Juli verbraucht! Wir leben, was die Ressourcen betrifft, auf Kosten der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft – gleichzeitig!

Das verwundert nicht weiter, wenn man sich klarmacht, dass sich allein in den letzten 50 Jahren die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt hat. Hinzu kommt, dass jedes Jahr hunderte Millionen Menschen vom Land in die Städte ziehen und in vielen Weltregionen der Wohlstand wächst, was jeder von uns aufgrund der eigenen Entwicklung auch anderen zugestehen sollte.

Folglich überrascht es nicht, dass aktuell global jedes Jahr neues Bauvolumen entsteht, das ungefähr dem von New York City entspricht. Hinzu kommt logischerweise noch die entsprechende Infrastruktur – Straßen, Brücken, Tunnel, Kanalisationen etc.

Und das alles nach dem linearen Wirtschaftsprinzip: ,Take – Make – Waste‘ mit katastrophalen Folgen für eine langfristig gesicherte Ressourcenverfügbarkeit, das überbordende Abfallaufkommen, einen unnötigerweise maximierten CO2-Ausstoß und letztlich die Folgen für die Biodiversität und die Umwelt.

Die Lösung liegt in der Kreislaufwirtschaft! Gebäude sind Rohstofflager, Städte sind urbane Minen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als Materialien und Produkte zu registrieren, sortenrein zu sammeln und so oft als möglich wiederzuverwenden, also Produkt- und Stoffkreisläufe Schritt für Schritt zu schließen. Nur so können wir den gigantischen Verbrauch von Primärressourcen reduzieren. Selbst vermeintlich einfache und lokal verfügbare Bauprodukte wie Sand und Kies sind nicht dauerhaft zu Lasten der Natur abbaubar. Gips als Nebenprodukt der Kohleverstromung ist ebenfalls endlich – natürliche Gipsvorkommen sind rar. Dabei gibt es heute schon funktionierende ReUse Konzepte und Recyclingverfahren und noch bessere sind in der Entwicklung.

Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft in der Bau- und Immobilienwirtschaft im industriellen Maßstab und für messbare Ressourceneffizienz und Transparenz bedarf es eins verpflichtenden Gebäuderessourcenpasses. Dieser lässt sich vorzugsweise aus dem digitalen Zwilling eines Gebäudes generieren und muss über den gesamten Lebenszyklus, also im Rahmen von Instandhaltungsmaßnahmen, Umbauten und Sanierungen immer wieder aktualisiert werden. Dies ist auch für den Gebäudebestand umsetzbar, nur mit etwas mehr Aufwand verbunden, da zunächst eine digitale Grundlage geschaffen werden muss.

Erfreulicherweise steht die Einführung des Gebäuderessourcenpasses im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung, allein die Umsetzung lässt auf sich warten. Materialien und Produkte brauchen dringend eine Identität, sonst laufen sie Gefahr, als Abfall zu enden und für immer verloren zu gehen.

Madaster – Das Materialkataster und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) bieten aber heute schon digitale Gebäuderessourcenpässe an.

Folgende Mindestanforderungen bilden die Grundlage:

~ Gebäudeinformationen wie Art der Nutzung, Standort, Baujahr, Bruttogeschossfläche und die Gebäudemassen

~ Materialitäten und Materialverträglichkeiten

~ CO2-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus

~ Umweltwirkungen über den gesamten Lebenszyklus

~ Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Gebäudestruktur

~ Demontierbarkeit und Trennbarkeit

~ Materialverwertungspotenzial und Zirkularitätsbewertung

~ Anteil Sekundärmaterial

~ Anteil ReUse und Recycling

Jetzt müssen nur noch die Architekten und Ingenieure die Prinzipien Einfachheit, Langlebigkeit, SuffizienzEffektivität, Reversibilität und Demontierbarkeit in ihre Planung einbeziehen und die Industrie sortenreine Baustoffe und reparaturfreundliche Bauprodukte und Bauteile anbieten und diese Produkte, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, wieder zurücknehmen, aufarbeiten oder recyceln und erneut in den Kreislauf bringen.


Dieser Text wurde von Gerhard Feldmeyer verfasst und gehört zur wiederkehrenden Reihe „Kolumne Gerhard Feldmeyer“. Gerhard G. Feldmeyer wurde 1956 geboren, studierte Architektur an der Universität Stuttgart und war über zwei Jahrzehnte Geschäftsführender Gesellschafter bei HPP Architekten. Seit Januar 2023 engagiert er sich als Botschafter der Madaster Foundation und ist Berater der Landmarken AG und deren Tochtergesellschaft Moringa GmbH im Bereich Real Estate Product Innovation. Er bezeichnet sich selbst als „Bauwende-Beschleuniger“ und ist regelmäßig als Speaker in Sachen „Bauwende“ unterwegs.

Titelbild: © Chris Rausch