12-2022
12-2022

Kunstfestival im Lost Place — Erzgebirgsbad Thalheim

Die Liste gefloppter Bauwerke und Gebäude weltweit ist lang. Oft werden sie zu heruntergekommenen Gegenden, Geisterstädten, Brachflächen oder aber auch zu faszinierenden Anziehungspunkten und Forschungsgegenständen.  

Der Italiener Alessandro Biamonti, Architekt und Dozent für Design am Polytechnikum Mailand, hat eigens zu diesem Thema ein Buch herausgegeben: Archiflop: Gescheiterte Visionen. Die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur (Original: Archiflop. Storie di progetti finiti male).

In seinem Werk untersucht er 25 unterschiedliche Projekte weltweit – vom „Paris Chinas“ Tianducheng über die Sanzhi UFO Häuser in Taiwan bis hin zum Spreepark, dem einzigen Vergnügungspark der damaligen DDR – und stellt jeweils die (oft gloriosen) Absichten der Bauvorhaben ihren Niedergangsgründen gegenüber. 

Das Ende einer Sache ist der Beginn einer neuen

Dabei geht er auch der Frage nach, wie sich Gebäude nach einer idealisierten Belebung am Computer in der Realität wirklich behaupten und lädt ein, darüber zu reflektieren, wie ein Projekt die eigene Zukunft entwerfen kann. Mit dem Ende einer Sache beginnt unweigerlich eine neue – auch in Bezug auf die Architektur. Altes für Neues nutzen und Bestand erhalten: ein Thema, so aktuell wie nie. 

Auch das Erzgebirgsbad Thalheim im südlichen Sachsen ist ein Beispiel für große Erwartungen und – nach kurzer Euphoriephase – klägliches Scheitern. Ein Archiflop? Nicht ganz. Denn die Geschichte geht weiter.

Beispiel Erzgebirgsbad Thalheim

1995 entstand das Erzgebirgsbad in Thalheim – an gleicher Stelle, an der zuvor 68 Jahre lang erfolgreich ein Freibad betrieben worden war. Das damalige „Stadtbad Thalheim“ galt als das größte und schönste Freibad im ganzen Erzgebirge. Aufgrund mangelnder Einnahmen und zunehmendem Reparaturbedarf wurde nach der Wende der Abriss beschlossen. Der Weg stand offen für etwas Neues und die Thalheimer verbanden mit Badbetrieb einen gewissen Lokalstolz. So eröffnete 1996 das neue Thalheimer Erzgebirgsbad, das sich in seiner Anfangsphase großer Beliebtheit erfreute und Rekordbesucherzahlen verzeichnete. Diese aber waren bereits nach wenigen Jahren stark rückläufig. Weitere Bäder eröffneten in der Region während die Betriebskosten stiegen und sich zudem Schäden am Gebäude und Baumängel abzeichneten. Nach nicht einmal 18 Jahren Betrieb musste das Bad schließlich seine Pforten schließen. Ein wunder Punkt für die Bevölkerung, die bereits den Abriss des geliebten Freibades als Verlust empfunden hatte.  

2015 bis 2018 wurde das Bad schließlich an das Landratsamt vermietet – und in diesem Rahmen als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Eine Tatsache, die nicht bei allen auf Zustimmung stieß und viel Widerstand generierte – zu frisch war die schmerzliche Erinnerung an den „Archiflop Erzgebirgsbad“, welcher mit großen Hoffnungen und Erwartungen für einen Aufschwung des gesamten Ortes verbunden gewesen war.   

Kunstfestival bringt Aufschwung

Aufschwung brachte schließlich eine überraschend ungewöhnliche Nutzung des verlassenen und sich allmählich im Verfall befindenden Bades: ein Kunstfestival. Die sogenannten Begehungen fanden vom 11. bis zum 21. August 2022 unter dem Motto „PLANSCH“ im ehemaligen Erzgebirgsbad statt und zogen 12.000 Besucher an. Das Kunstfestival aus Chemnitz existiert seit 2003 und nimmt jedes Jahr einen anderen, ungenutzten Ort in den Fokus, der mit zeitgenössischer Kunst bespielt wird. Ein ehemaliges Gefängnis, eine alte Schule, verlassene Industriegebäude oder aber eine ungenutzte Brauerei waren so beispielsweise bereits Orte des Kunstfestivals.

Dieses Jahr fand das umfangreiche Festivalprogramm der Begehungen in den verlassenen Hallen, Schwimmbecken und Gängen inklusive Umkleiden und Spinde des einstigen Spaßbades statt. Den Besuchern wurde auf diese Weise erneut Zugang zu einem Ort gewährt, der über Jahre ein wichtiger sozialer Bezugspunkt für die Region gewesen war. Entsprechend groß war das Interesse. 

Bereits vor Beginn des eigentlichen Festivals gab es Raum für Begegnung und Interaktion: beim Aufräumen und Reinigen des verschmutzten und im Außenbereich zugewachsenen Bades. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung packte der Verein, der hinter den Begehungen steckt, an. Dabei kam es laut Statement auf deren Website zu „interessanten Gesprächen“. Ungefähr „40 Menschen aus Thalheim teilten ihre Erinnerungen mit dem Organisationsteam“, heißt es dort weiter. 

Partizipation und Inklusion

An den Festivaltagen selbst konnte schließlich an kostenlosen Führungen teilgenommen werden, Malerei, Fotografie und Textilkunst waren ebenso vertreten wie Installationen, Performances und Konzerte. Als niedrigschwelliges Festival richtet es sich generell an alle, ist kostenfrei zugänglich und versteht sich als Treffpunkt für Menschen unterschiedlichster Prägung und Herkunft. Das wurde in Thalheim von den zahlreichen Besuchern beherzt angenommen. Menschen aller Altersgruppen tummelten sich auf dem Gelände und im alten Bad – auch viele Kinder „stürzten“ sich in die Becken: von denen eines im Rahmen eines Kunstprojektes mit eigens entworfenen Geldscheinen gefüllt war. Einmal fühlen wie Dagobert Duck! 

Für alle Sinne: Kunst im Spaßbad

Weitere Beispiele für Kunst im Bad: ein riesiges Window-Color im Eingangsbereich, verschiedene Gerüche, denen in den verschließbaren Spinden des Bades auf die Spur gegangen werden konnte, Thalheimer Stimmen erlebbar in den Umkleidekabinen in Form eines Hörspiels, ein menschlicher Beton-Mischer oder eine zehntägige Putzperformance im zentralen Hauptbecken. Insgesamt 30 Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus Argentinien, Armenien, China, Deutschland, Niederlande, Österreich, dem Vereinigten Königreich, Polen, Ukraine und Slowenien konnten erlebt werden.

Kunst zum Staunen, Anfassen, Zweifeln, Hinterfragen und Mitmachen. Die unkonventionelle und offene Herangehensweise an Kunst, Orte und nicht zuletzt Menschen mag es sein, was anzieht und erfrischt. Und somit auch einen verloren geglaubten oder aufgegebenen „Lost Place“ reanimieren kann. Die hohe Bürgerbeteiligung war dabei von Beginn an ein Schlüssel zur Identifizierung mit dem Festival und der besonderen temporären Nutzung des Bades. Ganz persönliche Geschichten und Stimmungen der Thalheimer zu ihrem Bad wurden in Ton und Schrift festgehalten und ausgestellt. Einige der Künstlerinnen und Künstler lebten über einen längeren Zeitraum vor Ort in Thalheim. Auf diese Weise konnten sie mit den Bewohnern ins Gespräch kommen, sich mit Geschichte und Kontext der Stadt auseinandersetzen und all das in ihre Kunstwerke einfließen lassen. 

Zukunft durch Wir-Gefühl

Wie es in Zukunft mit dem ehemaligen Bad weitergehen soll, wurde auch thematisiert. Bürgermeister Nico Dittmann und sein Team der Stadtverwaltung haben im Rahmen der Ausstellung ihre Pläne für einen „offenen und partizipativen Gestaltungsprozess für die Zukunft des Badgeländes“ vorgestellt, heißt es bei begehungen-festival.de. Die lokale Bevölkerung wurde aktiv eingeladen, sich mit eigenen Ideen und Anregungen für die Weiternutzung des Bades inklusive Gelände einzubringen. 

Auch wenn die Begehungen in der Form in Thalheim sicher eine einmalige Sache waren, so haben sie doch – auch über die Ortsgrenzen hinaus – ein wichtiges Signal gesetzt: Auch gescheiterte Projekte zählen, werden gesehen und können durch Kommunikation, Dialog und Partizipation wiederbelebt werden – was auch für eine langfristige Entwicklung einer solchen Reanimation unabdingbar wäre. Lokale Geschichte und Verwurzelung können weitergeführt werden, Identität bewahrt bleiben. 

Mit den Worten des Bürgermeisters Nico Dittmann: „Im Zuge des Festivals soll allen Thalheimerinnen und Thalheimern sowie Gästen die Nachnutzung ab 2023, im wahrsten Sinne begehbar, vorgestellt werden.“ (Quelle: Erzgebirge – Gedacht. Gemacht.)

Es braucht Mut, Kreativität, Initiative und Durchhaltevermögen, um einen verlassenen Ort, ein gescheitertes Gebäudevorhaben, wiederzubeleben. Vor allem aber ist es der Gemeinschaftssinn, das Wir-Gefühl, das auch durch eine bloße temporäre Nutzung langfristig nachwirken und Veränderung bewirken kann.


Text: Marit Albrecht

Fotos: @ Bricks Don’t Lie