Nachhaltigkeit ist das Thema der Zeit. Nicht zuletzt im Baugewerbe. Dabei wird viel geredet, die Ideen sind da, die Mittel auch. Dennoch passiert im großen Stil nicht viel beziehungsweise nicht genug. An vielen Enden ist es die Politik, die Bauordnungen und Gesetze anpassen müsste, damit beispielsweise Lebenszykluskosten im Baugewerbe transparenter werden oder die Zulassungsgrenzen für Schadstoffe reduziert werden, um Baumaterialien 100% recyclingfähig zu machen.
Die mehrfach ausgezeichnete Architektin und Universitätsprofessorin Annette Hillebrandt, die schon seit Jahrzehnten im Thema Nachhaltigkeit beim Bauen unterwegs ist, ist der Meinung, dass alles mit Politik zu tun habe, auch die Architektur. Und es sei eben nicht egal, wie wir bauen, da dies Auswirkungen darauf habe, „ob wir in Zukunft noch gemeinsam mit vielleicht zehn Milliarden Menschen hier zufrieden und auskömmlich leben können“, sagt sie im Interview mit Thilo Jung, Journalist und Gründer der politischen Interviewsendung Jung & Naiv.
Es ist eben nicht egal, wie wir bauen.
Univ.-Prof. Annette Hillebrandt
Es sei sehr viel Überzeugungsarbeit bei Auftrag- und Geldgebern nötig, um rückbau- und recyclingfähig zu bauen. Die Bauwende sei aber so wichtig, „weil es so ein paar Zahlen gibt, die sind wirklich schlimm“, so Hillebrandt. Global gesehen stammen 50 % des Abfallaufkommens und 40 % der CO2-Belastung aus dem Bauwesen, sagt sie. Wahnwitz. Und der Raubbau auf der Erde geht weiter.
Laut der Expertin für Materialkunde stammen 9 % der Ressourcen in der EU aus eigenen Quellen – 90 % hingegen seien Importe aus anderen Ländern. „Und die Leute meinen, es stehe ihnen irgendwie einfach zu.“ Ressourcen werden zunehmend knapp. Laut Hillebrandt gebe es für Zink noch eine Reichweite von 10 Jahren, für Kuper 35 Jahre. Unsere lokalen Minen seien leer oder unwirtschaftlich geworden, Gesteinslagen mit vielen Metallen würden seltener werden. Da sei es fast besser, in alten Abfallhalden zu suchen. Womit wir beim Thema Urban Mining wären.
Eine urbane Mine ist ein Rohstofflager für Stadt und Mensch. Alles, was der Mensch baut und ansammelt, müsse als Mine betrachtet werden, die später wieder angezapft werden kann, erklärt die Professorin. In Abfalldeponien findet man zum Teil mehr und einfacher Rohstoffe und Metalle als in den natürlichen Lagerstätten. Es geht um die Neuerschließung dieser menschengemachten Lager. Nach dem Urban-Mining-Prinzip zu bauen, ist zwar vielleicht erst einmal teurer – von 15 bis 20 Prozent spricht hier Hillebrandt – wenn man aber Austauschzyklen, Instandhaltung und Entsorgungskosten mit einberechnet, sei solch ein Urban-Design-Haus nach 50 Jahren 20 bis 40 Prozent günstiger. Oder anders gesagt: ein Haus, für welches man später Geld zurückbekommt, für die darin enthaltenen reinen und recyclingfähigen Baustoffe.
